Freitag, 29. März 2013

Der Autor unter der Lupe #1

Autoren gibt es wie Sand am Meer, dicke und dünne, große und kleine, mehr oder weniger erfolgreiche. Für den Leser spielen Aussehen und Charakter eines Autors zunächst eine untergeordnete Rolle, da ihn vornehmlich das Produkt, sprich das Buch interessiert. Dennoch gibt es immer wieder Situationen, in denen gerade die inneren Eigenschaften des Schreibenden zutage treten können. Und auch hier gibt es unter den Kultur schaffenden selbstverständlich die unterschiedlichsten Typen wie in jeder anderen Personengruppe auch. Einige dieser Typen haben es jedoch hin und wieder etwas schwerer als andere, und gerade diesen Problemkindern wollen wir uns einmal zuwenden.

Heute richte ich mein Augenmerk auf einen Typus, der sich wahrlich nicht leicht tut im Leben und es dennoch, mit Hilfe einiger Tricks und Kniffe, zu etwas bringen kann.

DER SCHÜCHTERNE AUTOR

Der schüchterne Autor hat zunächst nicht mehr Probleme als seine aufgeschlosseneren Kollegen. Er schreibt mit Leidenschaft, träumt den Traum von Ruhm und Ehren und erfreut sich mit etwas Glück und sehr viel Fleiß eines Tages erster Erfolge. Sein Debutroman erscheint, in der örtlichen Buchhandlung kann er ganze Stapel des guten Stückes bewundern, eigentlich wäre es an der Zeit, sich nach all der Arbeit ein wenig zu entspannen und zu feiern.
Doch dann wird die Öffentlichkeit auf sein Werk aufmerksam, man möchte nicht nur etwas über das Buch, sondern auch über dessen Urheber erfahren. Und schon bald steht das größte aller Schrecknisse in Form eines Anrufes ins Haus. Ein Buchhändler möchte gern eine Lesung mit unserem Autoren veranstalten. Was soll der Ärmste aber tun? Einerseits wünscht er sich nichts sehnlicher, als sein Buch den Lesern zu präsentieren, gleichzeitig bricht ihm allein bei dem Gedanken, im Mittelpunkt stehen zu müssen, schon der kalte Schweiß aus.

Zuerst kommt ihm die Idee, seinen Zwillingsbruder Eugen vorzuschieben. Leider hat Eugen einen schrecklichen Sprachfehler, weshalb unser unglücklicher Autor bald wieder von diesem Vorhaben Abstand nimmt. Zum Glück fällt ihm bald eine Alternative ein. In einer Apotheke reicht ihm die Verkäuferin seine Hämorrhoidensalbe immer in einer handlichen Papiertüte über die Theke. Wenn er in diese Tüte zwei Löcher für die Augen rein schneidet, kann er sie sich prima über den Kopf stülpen, so daß niemand sein Gesicht zu sehen bekommt. Unser Autor ist glücklich. Er hat eine Lösung gefunden, die allen zugute kommt. Doch schon beim ersten Probelauf gibt es Probleme. Vor lauter Eifer hat er vergessen, ein drittes Loch zum Atmen in das Papier zu schneiden, so daß ihm schon bald die Luft knapp wird. Nach einiger Feinarbeit jedoch ist seine Maske endlich fertig. Er hat sie, passend zu dem düsteren Thema seines Romans, noch pechschwarz angemalt, schließlich will er ja für sein Buch werben und nicht für die Sonnencreme seiner Apothekerin. Leider hatten andere Autoren diese Idee bereits vor ihm, erzählt ihm der Buchhändler und weist darauf hin, daß seit zwei Jahren auf Lesungen ein generelles Vermummungsverbot eingeführt wurde. Also wieder ein Schlag ins Wasser. Unser Autor ist verzweifelt. Es wird ihm nichts anderes übrig bleiben als seinem Publikum gegenüberzutreten.
Also beginnt er zu üben, er legt sich einen Text zurecht, sucht ein paar Stellen im Buch aus, die er vortragen will, und wider Erwarten klappt es ganz gut. Allerdings nur, solange niemand zuhört. Schon als seine Frau sich auf die Couch setzt, um als Testpunlikum zu fungieren, bekommt der schüchterne Autor keinen Ton mehr heraus. Und es sind nur noch ein paar Tage bis zu seinem großen Auftritt.
Doch dann kommt ihm die rettende Idee. Er ruft den Veranstalter an und erklärt, daß er bereit sei, die Lesung zu halten. Seine einzige Bedingung bestehe in einer langen Tischdecke, am besten einer, die bis auf den Boden reicht.

Endlich ist der große Tag da. Unser Autor hat lange auf seinen besten Freund eingeredet, bis der schließlich bereit war, ihm zu helfen. Nur mit der Aussicht auf ein paar weiche Kissen und mehrere Flaschen Bier konnte er ihn umstimmen.
Es ist acht Uhr, die Lesung beginnt. Über zwanzig Personen haben sich in der kleinen Buchhandlung eingefunden, und es hat sich wirklich gelohnt, finden sie. Die Leute sind fasziniert von der Grabesstimme des Autors, die vollkommen unwirklich von irgendwo im Raum zu kommen scheint, während er scheinbar willkürlich die Lippen bewegt. So etwas haben sie noch nie erlebt. Nur die wenigen Zuhörer, die unseren Autor persönlich kennen, machen sich Gedanken.
"Ob der Junge sich erkältet hat?" flüstert Tante Charlotte ihrem Angetrauten hinter vorgehaltener Hand zu. "Der klingt heute so komisch."
Währenddessen fühlt sich der schüchterne Autor kaum noch gehemmt. Alles klappt vorzüglich. In der Pause verkriecht er sich wie geplant auf der Herrentoilette, um kurz darauf wieder hinter dem Tisch mit dem langen schwarzen Tischtuch Platz zu nehmen. Jetzt fehlt nur noch die Mordszene, die er frei stehend vortragen will. Mit finsterem Blick fixiert er seine Zuhörer und erhebt sich von seinem Stuhl, als unter dem Tisch ein unterdrückter Schrei erklingt.
"Du bist mir auf die Finger getreten", zischt sein Freund, und seine Stimme klingt dabei überhaupt nicht mehr nach Gruft, vielmehr nach ein paar Bierchen zuviel. Der Autor schüttelt entsetzt den Kopf, die letzte Viertelstunde wird der Idiot doch hoffentlich noch durchhalten da unten, schließlich bekommt er dafür die Hälfte vom Honorar. Er hebt das Buch dicht vor die Nase und tut so, als würde er vorlesen, aber von unten kommt kein Ton. Der kann ihn doch jetzt nicht im Stich lassen. Wieder geht er an den Tisch und tastet mit dem Fuß sachte unter dem Tisch herum. Als Antwort erklingt ein leises Hicksen. Sein Kumpel hat Schluckauf bekommen. Und plötzlich wird es ihm dort unten zu eng, auf jeden Fall fängt der ganze Tisch bedrohlich an zu schwanken, und...

Ja, das sind die Probleme, mit denen schüchterne Autoren sich herumschlagen müssen, zumindest diejenigen unter ihnen, die nach einer allzu kreativen Ausweichmöglichkeit suchen. In diesem Fall nahm der Abend zum Glück ein gutes Ende. Der Überraschungseffekt war so gelungen, daß sich weitere Veranstalter bei unserem Autor meldeten und ihn für eine Lesung buchen wollten - zusammen mit dem Herrn unter dem Tisch selbstverständlich. Inzwischen sind die beiden ein beliebtes Duo.

Auch andere Charaktere unter den Autoren haben mit ihren Eigenarten zu kämpfen, das nächste Mal werden wir uns einen anderen, nicht minder problembehafteten Typus anschauen. Den jähzornigen Autor.
Bis dahin erst einmal herzliche Grüße und ein
frohes Osterfest wünscht euch

 Birgit

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